|
|
GESCHICHTE DES HÖRSPIELS: 1946-1968
|
| 1946 |
| Innovative Technik für das Hörspiel. Bandmaschinen werden
erstmalig verwendet, Live-Auftritte vor dem Mikrofon entfallen. |
| |
|
| |
Bis in das Jahr 1948 musste man (auf allen Gebieten) vom Bestand zehren.
Hörspiel von unbekannten Autoren, dies wäre im Theater unmöglich
gewesen.
Ein direktes Anknüpfen an die reiche Tradition der zwanziger und
dreißiger Jahre war nicht möglich, da viele Archive durch den
Krieg zerstört, in Unordnung waren oder durch die Neuorganisation
des Sendebetriebs nicht sogleich gefunden/zugeordnet werden konnten. |
| |
|
| |
»Gedämpfte Stimmen, bedächtiges Reden, ängstliches
Flüstern, verhaltene Anklage. Kinos und Theater lagen in Schutt und
Asche. Das Ablenkungs- und Nachholbedürfnis war groß: Radio
als Kulturträger, als Mittel der Mahnung, der Re-Education,
der Erziehung zur Demokratie. Hörspiel als Zeitbewältigung«
(Quelle: Karl H. Karst: »Das Hörspiel in Stichworten«) |
| |
|
| |
20. Januar
Volker Starke: »Der Held Sender Hamburg«
Mit dem Original-Ton-Hörspiel Starkes eröffnet der Sender Hamburg
wieder seine Hörspielproduktion.
Inhalt: Ein Offizier der zusammengebrochenen Ostfront begeht Ungehorsam
aus Verantwortung gegenüber anvertrauten Menschen. |
| |
|
| |
13. November
Klabund: »Der Kreidekreis MDR«
|
| |
|
|
|
1947 |
Dezentralisierung der Rundfunkanstalten im Gegensatz zum zentralisierten
Reichsrundfunk des Dritten Reiches.
Unabhängigkeit von Parteien und Behörden soll damit gewährleistet
sein. |
| |
|
| |
Wolfgang Borchert: »Draußen vor der Tür«
NWDR 
Mit Hans Quest, dem es auch gewidmet ist.
Die Eindringlichkeit des Hörspiels ist nicht zuletzt durch die Erfahrungen
der Sprecher mit Krieg und dessen Sinnlosigkeit zustande gekommen. Borchert
selbst konnte das Hörspiel nicht hören Stromsperre in
seiner Straße, und so ging er, um nicht zu frieren, ins Bett.
Ursprünglicher Titel: »Ein Mann kommt nach Deutschland«.
Er wurde am Abend vor der Sendung eigenmächtig von Schnabel in »Draußen
vor der Tür« geändert.
|
| |
|
| |
Axel Eggebrecht: »Was wäre, wenn ...« NWDR
Ernst Schnabel: »Der 29. Januar« NWDR
|
| |
|
| |
Ernst Schnabel (NWDR) rief die Hörer auf, »brieflich zu erzählen,
wie Sie den 29.01.1947 verbracht hätten: es brauchten Ihnen keineswegs
Sensationen begegnet zu sein, Alltagsgeschehen seien wichtiger.«
Schnabel erhielt 35.000 Briefe.
Schnabel wiederholte dies zum 01.02.1950 und erhielt 80.000 Briefe. |
| |
|
| |
Großes Jahr des Features hieß zuvor »Hörfolge«.
Featureautoren der 50er Jahre beim NWDR: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer,
Wolfgang Koeppen, Siegfried Lenz, Hans Werner Richter, Wolfgang Weyrauch.
Das Hörspiel erhielt von der Seite des Features viele Impulse
formal, methodisch und teilweise auch inhaltlich. |
| |
|
| |
01. Januar
5.442.000 Rundfunkteilnehmer |
| |
|
|
|
1948 |
Berta Waterstradt: »Während der Stromsperre« Berliner
Rundfunk |
| |
|
| |
01. Januar
6.058.000 Rundfunkteilnehmer |
| |
|
| |
01. Januar
Der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) entsteht. |
| |
|
| |
10. August
Der Bayerische Rundfunk (BR) entsteht. |
| |
|
| |
02. Oktober
Der Hessische Rundfunk (HR) entsteht. |
| |
|
| |
30. Oktober
Der Südwestfunk (SWF) entsteht. |
| |
|
| |
22. November
Der Sender Radio Bremen (RB) entsteht. |
| |
|
|
|
1949 |
| Autoren erhalten für ein Hörspiel-Manuskript im Durchschnitt
400-500 DM. |
| |
|
| |
Paul Ohlmeyer: »Odilio« SDR
Anweisung des Autors: »Die Spieler sprechen ohne Pathetik, durchweg
langsam und mit betonten Pausen. Wenn sie nur deutlich und schlicht sprechen,
wird das Pathos sich einstellen, das gemeint ist.«
|
| |
|
| |
Francis Durbridge: »Paul Temple und die Affaire Gregory«
NWDR Köln
Gottfried Benn: »Drei alte Männer« Radio Bremen |
| |
|
| |
01. Januar
6.857.000 Rundfunkteilnehmer |
| |
|
| |
06. April
Der Süddeutsche Rundfunk (SDR) entsteht.
Martin Walser wird Dramaturg beim SDR. |
| |
|
|
|
1950 |
| Hamburg und Köln mit gemeinsamem Mittelwellenprogramm, mit je 26
Hörspielterminen im Jahr. |
| |
|
| |
Gottfried Benn: »Der Prozeß der Jeanne d'Arc zu Rouen 1431«
Deutschlandsender
Jaroslaw Hasek: »Der brave Soldat Schwejk« MDR |
| |
|
| |
Bis zu 50 Prozent der Rundfunkteilnehmer sitzen vor ihren Mittelwelle-Apparaten
und hören in den 50er Jahren Hörspiele.
Viele richten sich den Hörspielabend so ein, als ob sie ins Theater
gehen wollten. |
| |
|
| |
NWDR: Trennung von Hörspiel- und Feature-Redaktion. |
| |
|
| |
UKW-Betrieb beginnt erstmalig im Mai, damit verbesserter Empfang. |
| |
|
| |
SDR (Süddeutscher Rundfunk) gibt das erste Hörspielbuch heraus:
Hörspiele in gedruckter Form. |
| |
|
| |
Hörspiel der 50er Jahre:
Tendenz zur Verinnerlichung und zur Reduzierung der Wirklichkeit auf den
menschlich-privaten Bereich. Autoren vermittelten »ihre Aussagen
nicht mehr direkt, sondern zunehmend in poetisch reizvollen, phantatischen
Bildern einer entsprechend geschulten Hörergemeinschaft«, so
Würffel. |
| |
|
| |
01. Januar
7.746.000 Rundfunkteilnehmer |
| |
|
| |
05. August
Gründung der ARD, in der sich die Länderrundfunkanstalten zusammenschließen
und einen Programmaustausch abmachen. |
| |
|
|
|
1951 |
Hörspielpreis der Kriegsblinden 
Vom Bund der Kriegsblinden gestifteter, mit keinem Geldbetrag verbundener
Ehrenpreis. Er wird jährlich von einer Jury an den Autor des bedeutendsten
deutschsprachigen Originalhörspiels, das im vergangenen Jahr von
einer Rundfunkanstalt der ARD erstmals gesendet wurde, verliehen.
Zeitschrift Der Kriegsblinde, 1951, Heft 11 (Juli):
»Wenn wir nach dem besten deutschen Hörspiel fragen,
so meinen wir damit das gewinnreichste, also jenes Hörspiel, das
uns noch lange nach der Sendung am tiefsten bewegt und das uns innerlich
bereichert. Wir suchen also jenes Hörspiel, das vom Menschlichen
her uns anredet und uns eine Hilfe gibt, mit dem Dasein besser fertig
zu werden oder die Zusammenhänge und Aufgaben unseres eigenen Lebens
besser zu verstehen. Manche formal kunstvollen, eleganten und spannenden
Hörspiele lassen uns ja zum Schluß mit leeren Händen zurück.
Oft wissen wir nicht einmal, was der Autor eigentlich gewollt oder gemeint
hat. Wir suchen also nicht literarische Spitzfindigkeiten oder Kunstfertigkeiten,
sondern die Begegnung mit Menschen, deren Schicksal und Entscheidungen
wir im Hörspiel miterleben und in denen wir uns irgendwie wiedererkennen,
wobei natürlich der formale Gesichtspunkt nicht außer acht
bleiben soll. Allein solche Hörspiele sind für uns gewinnreich
und wichtig ihnen zu größerer Anerkennung zu verhelfen,
ist unsere Aufgabe.« |
| |
|
| |
Günter Eich: »Träume«
»Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.«
Prager (Hörspielleiter des SDR): Träume von Eich
seien die eigentliche Geburtsstunde des Hörspiels, da hier nicht
die Verschmelzung mit dem Publikum, sondern überwiegende Ablehnung
»notwendige Herausforderung des Publikums durch das Hörspiel«
sei.
Auszug aus einer Hörerpost: »Wir kommen abends müde von
der Arbeit, wir wünschen nicht, zu aufregenden oder mühevollen
Gedanken und Empfindungen geweckt zu werden.«
Eich ist der produktivste Hörspielschreiber dieser Jahre (insgesamt
ca. 50 Hörspiele letztes Hörspiel 1972).
Eichs »Infragestellung der Existenz« beginnt, viele Autoren
ziehen nach. Verinnerlichung der Hörspiele wenn
auch mit soziopolitischem Akzent und dem Spiel der Existenz und des Rollentauschs
in Gedanken, Träumen ...
|
| |
|
| |
Die Sender zahlen je nach Größe des Publikumsbereichs für
die Ursendung, und sie zahlten die Hälfte dieses Honorars für
jede Wiederholung.
Zahlreiche Autoren (Günter Eich, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann,
Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Heinrich Böll, Fred von Hoerschelmann)
sind in den 50er Jahren freiberuflich oder hauptberuflich an Rundfunkanstalten
tätig. Die häufige bisweilen wochenlange Anwesenheit von Autoren
bei der Vorbereitung und Produktion eines Hörspiels ist selbstverständlich. |
| |
|
|
|
1952 |
Bildung des Staatlichen Rundfunkkomitees durch den Ministerrat der DDR
als Nachfolgebehörde der Generalintendanz für die Ostzone.
Berliner Rundfunk und Mitteldeutscher Rundfunk werden samt der angegliederten
Landessender und Regionalprogramme aufgelöst. An ihre Stelle treten
drei zentrale Programme: Berlin I mit Schwerpunkt Politik, Berlin II (Deutschlandsender)
mit den Schwerpunkten Kultur und Bildung und Berlin III mit volkstümlichen
Sendungen. |
| |
|
| |
Rolf und Alexandra Becker: »Gestatten mein Name ist Cox« 
Der schlechthin sensationellste Hörspielerfolg aller Zeiten. Mehr
als die Hälfte der Hörer des Sendegebietes schalteten ihr Radio
ein.
Nicht eine einzige Leiche. Reiz und Rätsel liegen in der Figur des
Detektivs, der mit einer wunderlichen Wirklichkeit phantastisch und lustig
spielt.
Um den in Deutschland üblichen Vorurteilen gegen deutsche Krimiautoren
vorzubeugen, hatte Becker die Funkserie unter dem Namen Malcom F. Browne,
dem Namen seines Onkels, veröffentlicht. |
| |
|
| |
»Man soll sich um das Hörspiel nicht grämen. Die Frage
nach seiner Weiterentwicklung wird recht oft unnötigerweise mit einem
Unterton von Besorgnis gestellt. Das Hörspiel existiert seit rund
einem Vierteljahrhundert und wird vermutlich fortbestehen, modischen Theorien
und exaltierten Hypothesen zum Trotz. Es ist eine rührende Täuschung,
zu glauben, das eigentliche, das echte Hörspiel gebe
es noch nicht oder habe es nie gegeben.«
(Quelle: Gerhard Prager Chefdramaturg des Süddeutschen Rundfunks) |
| |
|
| |
45 Prozent der Hörer hörten in Baden-Württemberg mindestens
alle vierzehn Tage eine Hörspielsendung. Der SDR war der einzige
Sender in diesen Jahren, der zwei Hörspieltermine in der Woche hatte.
Der SDR entschloss sich, Eich und Hoerschelmann an den Sender zu binden:
Jedem wurde ein Fixum von 500 DM pro Monat zugesichert, dafür sollten
sie vier Hörspiele pro Jahr liefern. |
| |
|
|
|
1953 |
Wuttig: »Nachtstreife«
Alltäglichkeit wird honoriert: Wuttig erhält mit »Nachtstreife«
den Hörspielpreis der Kriegsblinden.
Inhalt: Polizist Schäfer hilft kleinere Vorfälle aufzuklären,
die kleinen privaten Sorgen Schäfers angespanntes Eheleben
vergisst er dabei. |
| |
|
| |
200 Ursendungen werden pro Jahr von den ARD-Anstalten produziert. |
| |
|
| |
33 Prozent der Hörer gaben an, in den letzten 14 Tagen ein Hörspiel
gehört zu haben. |
| |
|
| |
Max Frisch: »Herr Biedermann und die Brandstifter«
Max Frisch: »Der Biedermann ist eine lustige Geschichte. [...] Auch
hatte ich lange nicht für die Bühne geschrieben, Fingerübung
war vonnöten. So nahm ich (1956) das Hörspiel, um zwei Monate
lang meine Fingerübung zu machen, die dann über 70 deutsche
und viele fremdsprachige Bühnen ging.« |
| |
|
| |
Ilse Aichinger: »Knöpfe« |
| |
Peter Hirche: »Die seltsamste Liebesgeschichte der Welt« |
| |
|
| |
Hoerschelmann: »Das Schiff Esparanza«
Für die Erstsendung komponierte Siegfried Franz die Zwischenmusik.
Diese sollte keine Klangkulisse sein, sondern die dramaturgischen Scharniere,
um dem Hörer Stimmungsbrücken zu bauen. |
| |
|
| |
01. Januar
11.108.000 Rundfunkteilnehmer |
| |
|
| |
12. November
Der Sender Freies Berlin (SFB) entsteht. |
| |
|
|
|
1954 |
Wolfgang Hildesheimer: »Prinzessin Turandot«
Hildesheimers Welt in grotesker Verzerrung.
|
| |
|
| |
Dylan Thomas: »Unter dem Milchwald« NWDR
60 verschiedene Stimmen (u.a. Inge Meysel) zeichnen ein lyrisch bestimmtes
Bild vom wahren Leben, dem Alltag einer kleinen Stadt an der Meeresküste.
»Es ist Frühling, mondlose Nacht in einer kleinen Stadt, sternlos
und bibelschwarz ...«
Das Tonband förderte das Hörspiel! Zum Beispiel konnten die
Dutzenden Stimmen im »Milchwald« durch das Tonband realisiert
werden, was zuvor nur durch äußerste Disziplin bei der Produktion
zu erreichen gewesen wäre. |
| |
|
| |
»Schon jetzt ist in manchen Funkhäusern die Angstzensur ausgebrochen.
Sie besteht darin, dass man jedes mögliche Risiko umgeht, vermeidet
oder ausschaltet. Die Angestellten wagen es nicht, unangenehm aufzufallen,
man könnte sie sonst bei irgend einer passenden Gelegenheit abhalftern
natürlich mit einer ganz anderen Begründung.«
(Quelle: Günter Sawatzki Tagesproblem des Hörspiels) |
| |
|
| |
25. Mai
Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) entsteht und wird aus dem NWDR herausgelöst. |
| |
|
|
|
1955 |
7 Millionen Menschen schalten den NWDR ein.
Davon hören 2,5 bis 3,7 Millionen Rundfunkteilnehmer Hörspiele.
95 Hörspieltermine des NWDR im Jahr mit 30-35 Neuproduktionen.
Insgesamt produzieren alle ARD Sender zusammen 350 Neuproduktionen
Die Hälfte der Inszenierungen sind Theatertexte und ausländische
Texte oder Neuinszenierungen alter Texte wenig originäre Texte
für das Hörspiel. |
| |
|
| |
In Kooperation zwischen NDR und SDR werden viele neue Hörspiele
gleichzeitig herausgebracht. Aber nicht wie heute in Gemeinschaftsproduktion,
sondern es werden gleichzeitig zwei verschiedene Inszenierungen produziert. |
| |
|
| |
L. Ahlsen: »Philemon und Baucis« |
| |
|
| |
Ein Hörspiel ist im Schnitt 100 Minuten lang bis zum Jahr
2000 sinkt die durchschnittliche Länge eines Hörspiels auf 45
Minuten. |
| |
|
|
|
1956 |
Marie Luise Kaschnitz: »Der Zöllner Matthäus«
Kaschnitz: »Ich habe meine ersten Hörspiele nur als Fingerübungen
betrachtet, und zwar als Fingerübungen für ein Theaterstück.
Später habe ich gemerkt, dass für das Hörspiel andere Gesetze
gelten und dass man sich auf diese Weise niemals auf die Bühne hinaufklimpern
kann. Im Hörspiel darf man, meiner Ansicht nach, lyrisch und episch
sein. Deswegen und weil es mir, wie gesagt, Freude macht, Dialoge zu schreiben,
bin ich beim Hörspiel geblieben. Es ist auch sehr reizvoll, dass
das Hörspiel nur auf das Wort gestellt ist und dass man historische
und biblische Gestalten reden lassen kann, ohne damit bestraft zu werden,
dass man sie eines Tages in Brustpanzern und damit wallenden Gewändern
auf der Bühne erblicken muss.« |
| |
|
| |
Friedrich Dürrenmatt: »Die Panne« |
| |
|
| |
Francis Durbridge: »Paul Temple und der Fall Gilbert«
Temple Reihe von 1949-1962 und 1967 der Gassenfeger der 50er Jahre. |
| |
|
| |
27. November
Der Saarländische Rundfunk (SR) entsteht. |
| |
|
|
|
1958 |
Ingeborg Bachmann: »Der gute Gott von Manhattan«
»Der Schriftsteller und das ist seine Natur wünscht
sich Gehör zu verschaffen. Und doch erscheint es ihm eines Tages
wunderbar, wenn er fühlt, dass er zu wirken vermag. Umso mehr, wenn
er wenig Tröstliches sagen kann von Menschen, die des Trostes bedürftig
sind, wie nur Menschen es sein können: verletzt, verwundet und voll
von dem großen, geheimen Schmerz, mit dem der Mensch vor allen anderen
Geschöpfen ausgezeichnet ist.«
(Quelle: Ingeborg Bachmann: Auszug aus der Rede anlässlich der Verleihung
des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1958 an Ingeborg Bachmann) |
| |
|
|
1960 |
Hörspiele sind außer Tagesnachrichten und Volksmusik
die beliebtesten Sendungen.
|
| |
|
| |
Zehn Rundfunkanstalten produzieren ca. 350 Neuproduktionen, davon 100-120
Ursendungen mit insgesamt 1000 Hörspielterminen. |
| |
|
| |
Heinrich Böll: »Klopfzeichen«
Dieter Wellershoff: »Der Minotaurus« |
| |
|
| |
29. November
Der Deutschlandfunk / die Deutsche Welle (DLF / DW) entsteht. |
| |
|
|
|
1961 |
Friedrich Knilli: »Das Hörspiel Mittel und Möglichkeiten
eines totalen Schallspiels«
»Jedes Hörereignis kann ein Hörspiel sein. [...] Das Schauspiel
kennzeichnen Mimik, Gestik und Gänge im Raum, akustische Raumvorgänge
kennzeichnen das Schallspiel: Es ist radiophone Pantomime aus Geräuschen,
Tönen, Stimmen.«
»Hörspiel ist somit keine (weitere) literarische Gattung, sondern
vom technischen Mittel Radio, der Akustik, des Hörens abhängig,
und davon wiederum seine Stilelemente.«
»Das literarische Hörspiel ist heute als Modell eindeutig erschöpft,
es bringt nur mehr Gleiches, längst Dagewesenes, Totes hervor. Routine,
Sterilität und Phraseologie greifen um sich.« |
| |
|
| |
Schwitzke über das Buch von Knilli: »Ein Sektierer polemisiert
darin gegen alles, was in 38 Rundfunkjahren als Hörspiel bezeichnet
wurde. [...] Ermuntert durch das Beispiel der elektrischen Musik und der
musique concrète, läuft er gegen die beherrschende Stellung
des Worts im Hörspiel Sturm, möchte vielleicht in Analogie zur
Abstraktion in der Bildenden Kunst, die er aber nie zitiert, eine Art
abstraktes Hörspiel. [...] Bei der sieben Monaten dauernden Produktion
eines elektronischen Zwölf-Minuten-Stückes von Pierre Boulez
in Baden-Baden verfiel der ausübende Techniker in Weinkrämpfe;
die herzschädigende Wirkung von Tönen ist bekannt, als dass
hier genauere Ausführungen nötig wären.«
(Quelle: Schwitzke: »Das Hörspiel«) |
| |
|
| |
Themen bis ca. 1961 (nach J.M. Kamps):
Sinnlosigkeit des Krieges, Ost-West-Problem, der innere Widerstand, das
Verhältnis zu Juden, der Schuld-Sühne-Komplex, Wohlstandsgesellschaft,
Eheleben, Identität, Macht und Faschismus. |
| |
|
| |
Zwischen 1925 und 1965 gibt es eine relativ geschlossene Hörspielentwicklung,
mit dem Focus auf literarische Hörspiele Ton, Geräusch,
Musik werden nur als Beiwerk verstanden.
Der Durchbruch für ein neues Hörspiel kommt in dem Augenblick,
da Regisseure und Dramaturgen genügend Erfahrungen im Umgang mit
der Stereophonie hatten, um die Sprache als Geräuschkunstwerk und
die Geräusche als sprachpsychologisches Phänomen zu benutzen.
Schwitze dagegen warnt vor dem Naturalismus der Sterophonie. |
| |
|
| |
01. Januar
16.058.102 Rundfunkteilnehmer und 5.332.143 Fernsehteilnehmer |
| |
|
|
|
1963 |
Heinz Schwitzke: »Das Hörspiel«
»Mit der Entmaterialisierung der Stimme und den nur als Hilfsmitteln
zugelassenen Geräuschen wird eine 'innere Bühne' geschaffen.
Zentrales dramaturgisches Element ist die Blende, die imaginäre Hörräume
öffnet und wieder schliesst, wodurch das Zusammensetzen verschiedener
Raum-Zeit- und Wirklichkeitsebenen möglich wird.«
Das Hörspiel wird bei Schwitzke als dramatischepischlyrisch
= innerlich verstanden.
»Innere Handlung, innerer Monolog, imaginärer Dialog, Dialog
mit sich selber, das sind Begriffe, von denen her man auch das Hörspiel
begreifen muss, der Ort, an dem es spielt, liegt nirgendwo anders als
im Gewissen des Hörers.«
Schwitzke ist gegen jeden Naturalismus (Geräusche sind unerträglich)
und Sterophonie. Bilder sollen im Kopf entstehen, im Inneren. Sprache,
Deklaration sei wirkungsvoller als naturalistisches Geräusch, da
sonst Phantasieverlust drohe.
»Im Hörspiel gibt es keine Musik ohne eine Handlungsfunktion
und kein Geräusch ohne eine Sinnfunktion für den thematischen
Zusammenhang.«
Für Schwitzke sind beim Hörspiel kreisförmige Handlungsverläufe
und typisierende Figurenentwürfe typisch.
|
| |
|
|
|
1965 |
Der Nouveau Roman' (Nathalie Sarraute, Claude Ollier) beeinflusst
das Hörspiel im weiteren Verlauf. (»Neues Hörspiel«
| »Ars-Acustica«)
Gerhard Rühm, Reinhard Döhl, Bernd Alois Zimmerman arbeiten
in dieser Richtung Hörspielversuche aus, die zunächst alle abgelehnt
werden. |
| |
| |
Peter Weiss: »Die Ermittlung Oratorium in 11 Gesängen«
»Die Ermittlung« ist eines der wichtigsten Stücke zur
literarischen Aufarbeitung des Holocaust. Das Material zu diesem Stück
ist dem Auschwitz-Prozess entnommen. Der Autor hat sich jeder Zutat aus
eigener Erfindung enthalten. Die Hörspielfassung ist in ihrer epochalen
Bedeutung gleichzeitig ein Stück Hörspielgeschichte. |
| |
|
|
|
1966 |
Heinz Hostnig (neuer Leiter des NDR):
»Als aktiver Mitspieler, nicht mehr als nur passiver Zuhörer
könnte er (= der regelmäßige Hörer stereophoner Hörspiele)
dann gelernt haben, seine Aufmerksamkeit hauptsächlich den akustischen
Mitteln und dem formalen Aufbau des Stückes zuzuwenden [...] wird
er schließlich registrieren, dass diese Spiele geeignet sind, Denkvorgänge
zu beschleunigen oder ganz allgemein Sinneswahrnehmungen zu vertiefen.« |
| |
|
|
|
1968 |
Sprache und Sprachkritik rücken in den Mittelpunkt:
Ernst Jandl, Friederike Mayröcker: »Fünf Mann Menschen«
»Sprache als Material« (»Neues Hörspiel«
| »Ars-Acustica«) beginnen mit Jandl und Mayröcker:
Das Stück ist zugleich das erste vollständig stereophon produzierte
Hörspiel.
Jandl, Mayröcker: »Hörspiel ist ein akustischer Ablauf,
der sich von Musik dadurch unterscheidet, dass sein Material hauptsächlich
aus gesprochener Sprache besteht; ohne eine Übereinkunft dieser Art
konnte das Wort Hörspiel auch dasselbe bedeuten wie das
Wort Musik.« |
| |
| |
Helmut Heissenbüttel: »Alles ist möglich. Alles ist
erlaubt.« |
| |
|
| |
Schwitzke: »Das Neue Hörspiel dagegen ist das Kind einer
Zeit des Überflusses und des Konsums.« |
| |
|
| |
Ludwig Harig: »Ein Blumenstück«
Harig collagiert Kinderreime, Kinderlieder mit Zitaten aus dem Höss-Tagebuch,
das in blumiger/romantischer Sprache seinen Wohn- und Arbeitsort beschrieb
das KZ.
Harig: »Es wäre falsch, die Kinderlieder der Romatik für
die Verbrechen des Dritten Reichs verantwortlich machen zu wollen; sie
bleiben jedoch der Ausdruck einer Geisteswelt, die das Nationalgefühl
der Deutschen bis über das Dritte Reich hinaus bestimmt hat. In dieser
Geisteswelt mischt sich die Idylle mit der Aggression, die Innerlichkeit
mit der Grausamkeit. Kindersprache ist nicht totes Objekt; sie kann zum
Instrument der Herrschenden werden, und sie verliert darüber ihre
Neutralität.« |