Tonspur Tonraum

Rede zur Eröffnung der Woche des Hörspiels
Akademie der Künste Berlin, 9. November 1997

Heiner Goebbels
 
In einer Zeit, in der das Fernsehen immer schlechter, das Theater immer alberner wird, und es auch der Oper nicht besonders gut geht, hat das Radio keine Chance – aber immerhin einen entscheidenen Vorteil: es hat ja nur das Ohr; und da es nur den akustischen Sinn anspricht, kann es wie die anderen Medien den Unsinn nicht verdoppeln oder vervielfachen, selbst wenn es das wollte – und wir wissen: es will. Das heißt, das Radio nimmt uns nicht völlig in Beschlag und läßt uns wenigstens das eine oder andere Auge, um bei sich zu sein. Die Anschmeiße ist zwar nicht zu überhören, wir müssen uns zunehmend auch dort anschreien lassen – und zwar nicht mehr nur bei den Ansagen – aber: wir können dabei wegsehen. Den optischen Möglichkeiten sind beim Radio keine Grenzen gesetzt. Die Wohltat der Trennung des Hörens vom Sehen ist die einzige Rettung. In ihm, im Radio, spricht der (Gottseidank) Abwesende.
 
Selbst beim Fernsehen sehnt man sich herbei, was im Theater nicht mehr geht, nämlich einmal, unbeteiligt, in Ruhe gelassen, zuschauen zu können. Außer bei den Kochprogrammen bleibt der Wunsch unerfüllt, weil man selbst vom Ansager, Moderator, Nachrichtensprecher permanent ins Visier genommen wird; scheinbar zumindest, weil der Blick scharf am Zuschauer vorbei zum Teleprompter stiert. Wie blöde muß ein Medium eigentlich sein, wenn es nicht einmal das bißchen Abstand zur eigenen Produktionsweise aufbringt, um darauf zu achten, daß die attraktivere Verführung nicht in ständiger Eroberungsgeste besteht, sondern in der Chance, auch einmal schweigen zu können. Statt, daß das Fernsehen das übrige tut, nämlich sich auf seine Möglichkeiten besinnt, Bilder zeigt und schweigt, quatscht es uns voll. Nur wenn’s ganz komisch wird, brauchen wir nicht mehr zu lachen; das wird schon eingespielt. Es gibt überhaupt keine unkommentierten Bilder mehr, kein ungeschnittenes und uns nicht ständig bevormundendes Material mehr, außer – und da bleibe ich beim Zappen manchmal hängen – in den historischen Stunden, wenn in real-time mitten in der Nacht stundenlang die Einfahrt von O.J. Simpsons Haus gezeigt wird, der Tunnel mit dem kaputten Mercedes vom Ritz in Paris, oder wie genau heute vor acht Jahren, als ein englischer Kanal den intelligenten Einfall hatte, die ganze Nacht hindurch eine Kamera fest vor einem Grenzübergang in Berlin zu installieren.
 
Es gibt zum Beispiel im deutschsprachigen Fernsehen keine nicht-deutschen O-Töne mehr. Nirgends. Selbst im musikalischen Kontext, in dem es nicht in allererster Linie um semantische Bedeutungen geht, macht ›arte‹ einen Aufstand, weil sie es dann wenigstens untertiteln wollen. Die Angst vor dem Nichtverstehen scheint (da unterscheiden sich Rundfunk und Fernsehen gar nicht) in den Redaktionen das beherrschende Motiv; dabei könnte gerade das, was man nicht versteht, was Rätsel bleibt, ein Geheimnis also, etwas Poetisches, vielleicht etwas, das sich nicht erschließt – gerade so aufregend sein, weil doch das, was gemeinhin unter Verstehen verstanden wird, doch nur die Reduktion ist auf das, was man vorher schon kennt.
 
Was wir also verlieren, bevor wir es gewonnen haben, ist z. B. die Möglichkeit auf den klanglichen Genuß von anderen Sprachen, Stimmen, Metren, Farben; was ja nur bei Fremdsprachen geht, bei denen genau diese Qualitäten nicht verstellt/verdeckt sind durch das semantische Verstehen, die Kenntnis ihrer Bedeutungen. Es ist nur ein kleines Beispiel; aber wahrscheinlich nicht nur ästhetisch ein entscheidendes, sondern auch als politische Perspektive und Respekt allem Fremden gegenüber – wo durchaus Nachholbedarf ist. Stellen Sie sich nur vor, in allen Nachrichtensendungen Dokumentarfilmen, Magazinen wären Stimmen (meistens sind es ja nur Politiker) aus Afrika, China oder von mir aus Dänemark im Original zu hören und würden erst anschließend übersetzt (oder untertitelt); da hätten Sie schon in einer Woche eine im weitesten Sinne politisch-kulturelle Erfahrung, die über jeden Urlaub hinausweist. Meine Lieblingssendung im Fernsehen ist ›no comment‹ auf Euronews. Wer verkabelt ist, kann das kennen. Wenn auch nur fünf Minuten am Tag, zeigt man dort unbearbeitetes Material aus aller Welt. X-beliebiges Beispiel: Kinder in einer Spielwarenabteilung in einem Kaufhaus in Kyoto, Börsenmakler in HongKong, Frauen auf der Hut vor Heckenschützen in Dubrovnik, Aufräumarbeiten in Italien nach einem Erdbeben, Fernfahrer irgendwo in Frankreich usw. Dazu im O-Ton Stimmen, Geräusche, Rufe, aus denen man sich zusammen mit dem eingeblendeten Datum des Tages und den oft unbekannten Namen der Orte einen Reim zu machen versucht, um die Rätsel des Tages zu lösen. Woher kommt es eigentlich, wenn mir beim Telefonieren auch mit guten Freunden, oft mehr einfällt als im persönlichen Gespräch, in dem man sich natürlicherweise gegenseitig verpflichtet fühlt, nicht ständig in der Gegend herum zu schauen; wenn ich also während des Telefonierens aus dem Fenster schaue oder in Büchern und Zeitschriften blättern kann, wenn ich ›tonlos‹ zappe oder Auto fahre – alles das, was mich über das jeweilige Thema hinaus mit anderen Bildern konfrontiert und dadurch meine Phantasie anregt, dem Gespräch unerwartete Wendungen zu geben. Da wo Hören und Sehen aufs innigste zusammenfallen und sich alles nur bestätigt, langweilen mich die Sinne. Da, wo der Riß zwischen beiden klafft, bin ich gefordert, oder besser: ›begehre‹ ich seine Überbrückung, und das hält mich wach; dazu ist beim Radio eigentlich jede Menge Raum.
 
Warum höre ich trotzdem kein Radio?
Vielleicht weil alles zu sendefähig ist, vielleicht weil generell die Sprache zu hoch gepegelt wird und dadurch im Verhältnis zur Dynamik der Musik viel zu laut ist, vielleicht weil die Programme bei den anspruchsvollen Kanälen zu viel von Pädadogik, Einschüchterung und der Pflicht zu ungeteilter Aufmerksamkeit geprägt sind und die bei den anderen Kanälen zu wenig. Weil das schweifende Hören zu wenig Raum hat. Vielleicht weil die Sprecher der Unterhaltungsprogramme zu gut gelaunt sind und die der seriösen Programme zu schlecht. Vielleicht weil das Medium zu viele Imperative sendet: Bleiben Sie dran, schreiben Sie uns, hören Sie zu – das mochte ich schon in der Schule nicht.
 
Vielleicht weil der kluge, aber zurückhaltende Rundfunk, im Sinne von ›laid back‹, nicht genug Raum hat. Kleine Ausnahme allerdings vor ein paar Tagen im Hessischen: eine dreiviertel Stunde lang japanische Zikaden, das war ganz angenehm – wie meine Lieblingskassette, die mit den französischen Fröschen.
 
Ich schlage nichts neues vor, wenn ich sage, man muß das Hören selbst zum Thema des Mediums machen, das Entziffern, das Entdecken. Ich schlage vor, den Klang der Kanalisation zu senden, die Geräusche der Großküchen, den Taxifunk aus Finnland, den Zoo bei Nacht. Ich schlage vor, heimlich Leseproben aus den Theatern live zu übertragen (das sind eh‘ die besten Proben.) Ich schlage vor, die Tonspuren von Filmen zu senden, es sind die besseren Hörspiele. Bis das geschieht, schlage ich schon einmal vor, bei der Fernseh-Fernbedienung einen Knopf einzubauen, mit dem man das Bild ›muten‹ kann. Sie werden einerseits staunend hören, wie komplett die Soundtracks der Filme schon sind, wie wenig Ihnen vorenthalten bleibt, wenn Sie all das hören, was normalerweise die Bilder verdoppelt: Geräusche, Dialoge, Musik. Und Sie werden auf der anderen Seite überrascht sein, wie oft in den originären Funkhörspielen genau dieser Fehler gemacht wird: die Illustration des ohnehin gesagten Textes, die Kommentierung der eh‘ schon deutlichen Geräusche.
 
Ich schlage überhaupt nichts vor, – ich habe auf dem Flug hierher nämlich in einer Illustrierten mein Horoskop gelesen und ausgerissen: »Halten Sie sich öffentlich mehr zurück. Ihr Glück finden Sie in der privaten Umgebung.« – Ich schlage eine andere Richtung ein: Ich bin nämlich gar kein Kulturpessimist, weil ich um die Gegenbewegungen weiß – es gibt sie noch die guten Dinge – auch die Gegenbewegungen des Marktes. Als die Pop- und Discomusik in den 80ern zu doof oder technisch zu komplex oder beides wurde, tauchte zum richtigen Zeitpunkt der HipHop auf.
 
Und wem in den 90er Jahren der Techno zu stumpf ist, für den gibt’s drum.; Warum eigentlich drum&bass und dieser ansonsten so schreckliche Techno? Musik also, der genau all das fehlt, was als entscheidendes Merkmal konventionellen Hörbedürfnisses gilt: Melodien, gängige Refrains und Texte, identifizierbare Namen, Gruppen, Starkult. Weil niemand mehr die Vorsänger braucht, keine Melodien zum Nachpfeifen, weil das Verschwinden der Stars offensichtlich ein Herzenswunsch der Jugend ist und die Abstraktion voranschreiten kann; weil die Reduktion auf die wesentlichen basics der Tanzmusik, nämlich drum, völlig ausreicht. No comment – auch da. Das läßt hoffen. Auch fürs Hörspiel.